300 Jahre Freimaurerei – Gedanken zur gesell­schaftlichen Rolle der Logen

Br. Armin Peter, JL „Drei Lichter im Felde“ i. Or. Berlin (Bundessblatt 1 / 2018)

Es ist wieder ein Jahr vergangen, un­sere Loge feiert heute ihr 121. Stiftungs­fest. Und damit nicht genug: Im Jahre 2017 wird die Freimaurerei nach der Zeitrechnung der UGLE 300 Jahre alt. Als offizieller Stiftungstag der speku­lativen Freimaurerei gilt der 24. Juni 1717, als sich vier Londoner Logen zur ersten Großloge zusammenschlossen. Ich möchte unser Stiftungsfest im 300. Jahr der Maurerei zum Anlass nehmen, um gemeinsam mit Ihnen, liebe Brü­der, über die gesellschaftliche Rolle der Logen im Wandel der Zeiten nachzu­denken.

Die Geschichte unseres Bruderbundes ist wesentlich älter als 300 Jahre. Vor­läufer der Freimaurer waren die „Sto­ne Masons“, die Maurer der Dombauhüt­ten. Sie waren im Zeitalter der Gotik europaweit mit der Errichtung der gro­ßen Kathedralen beauftragt. Diese Stein­metze bildeten eine hochqualifizierte Elite – sie konnten nicht nur lesen und schreiben, sondern besaßen überdies mathematische, statische und theolo­gische Kenntnisse. Um ihre kostbaren Fähigkeiten und „Baugeheimnisse“ vor Unbefugten zu schützen, verbargen die Steinmetze sie in einem komplexen System aus Symbolen und Passwör­tern. Diese maurerische Symbolik ist jedoch nicht erst im Mittelalter ent­standen. Ihre Wurzeln reichen zurück bis zu den Ur-Religionen des alten Ägyp­ten und Mesopotamien. Auch Elemen­te griechischer und römischer Myste­rienbünde finden sich in der Werkleh­re.

Als sich die Zeit der großen Kirchen­neubauten im 15. und 16. Jahrhundert dem Ende zuneigte, endete auch die Blütezeit der Steinmetz-Eliten. Die „Sto­ne Masons“ mussten ihre Rolle in der Gesellschaft neu finden, um nicht von der Moderne überflüssig gemacht zu werden. Das ist ihnen gelungen: Die Bauhütten nahmen auch Nicht-Hand­werker auf und wurden zu spekulati­ven Logen. Damit war die Freimaure­rei, wie wir sie heute kennen, geboren – und die alte Zunft der Steinmetze hatte es geschafft, den Kern ihrer Leh­re in eine neue Zeit hinüberzuretten.

Um unseren Bund ranken sich seit sei­ner Gründung zahlreiche Mythen und Verschwörungstheorien. Am hartnä­ckigsten hält sich die Vorstellung, wir Freimaurer würden eine Art geheime Weltregierung bilden. Das ist natür­lich Unsinn. Gleichwohl können wir im Rückblick auf 300 Jahre spekulati­ve Maurerei feststellen, dass Freimau­rer in zahlreichen Revolutionen oder politischen Umwälzungen des 18./19. Jahrhunderts eine entscheidende Rol­le gespielt haben – und zwar weltweit. Das gilt für die Französische Revolu­tion ebenso wie für den Amerikani­schen Unabhängigkeitskrieg, die deut­sche Revolution von 1848, die mexi­kanische Revolution, die Staatsgrün­dung Italiens und die Errichtung der Republik in Brasilien, um nur einige Beispiele zu nennen.

Wie lässt sich diese Tatsache sachlich und logisch erklären? Lassen Sie uns dazu einen kurzen Ausflug in die Welt der Historiker und Soziologen unter­nehmen!

In den letzten 20.000 Jahren hat sich der Mensch von einem schwachen Jä­ger und Sammler zum unbestrittenen Herrscher des ganzen Planeten entwi­ckelt. Während unsere Vorfahren noch vor wenigen tausend Jahren mit Stein­werkzeugen Jagd auf Mammuts mach­ten, erforschen wir heute das Sonnen­system mit Raumschiffen und bauen raffinierte Maschinen, die unser Leben erleichtern. Die größten Quantensprün­ge sind der Menschheit sogar erst in den letzten ca. 300 Jahren gelungen – die Menge an verfügbarem Wissen ist exponentiell gewachsen, wir leben heu­te in historisch beispiellosem Wohl­stand. Forscher haben lange gerätselt, warum sich ausgerechnet die Spezies „homo sapiens“ so umfassend durch­gesetzt hat. Biologen führen dies z.B. auf unsere besondere Anatomie, das im Vergleich zu anderen Säugetieren überdurchschnittlich große Gehirn oder die Benutzung von Werkzeugen zu­rück. Das alles hat sicherlich geholfen. Aber da ist noch mehr.

Wie der israelische Historiker Yuval Noah Harari schreibt, ist homo sapi­ens die einzige Spezies der Erde, deren Angehörige in großer Zahl flexibel ko­operieren können. Ohne diese Fähig­keit würden wir noch immer auf Stein­zeit-Niveau leben. Zwar können auch andere Säugetiere, wie etwa Affen oder Elefanten, untereinander kooperieren. Allerdings geschieht dies in der Regel nur in einer relativ überschaubaren Anzahl von Familien- oder Rudelmit­gliedern. Auch Bienen oder Ameisen beherrschen sehr fortgeschrittene Wege der Kooperation, und das schon seit Millionen von Jahren. Allerdings fehlt auch ihnen die Flexibilität – ein Bie­nenschwarm kann keine Revolution anzetteln, seine Königin guillotinieren und eine Republik errichten. Allein der Mensch besitzt die wichtige Fähigkeit, mit einer unbegrenzten Anzahl frem­der Artgenossen auf flexible Art und Weise kooperieren zu können.

Die Geschichte bietet viele Beispiele dafür, wie entscheidend flexible Ko­operation für gesellschaftlichen Fort­schritt und die Durchsetzung neuer Ideen ist. Rom hat Griechenland nicht besiegt, weil die Römer größere Gehir­ne oder bessere Werkzeuge hatten, son­dern weil sie effektiver zusammenar­beiten konnten. Historisch gesehen ha­ben disziplinierte Armeen sich deshalb immer gegen unorganisierte Horden durchgesetzt.

Und gut organisierte Eliten konnten trotz physischer Unterlegenheit mü­helos ganze Völker unterdrücken. Bis zum Zeitalter der Aufklärung koope­rierten z.B. in Europa die adeligen Eli­ten höchst effizient. Sie heirateten un­tereinander, teilten Reiche auf, führ­ten Kriege und waren zugleich pein­lichst darauf bedacht zu verhindern, dass ihre Untertanen lernten, sich ef­fektiv gegen sie zu organisieren.

Ein Beispiel: Im Jahre 1740 begann der Gründer unserer Großen National-Mut­terloge „Zu den drei Weltkugeln“, Fried­rich der Große, den Schlesienkrieg, der viele tausend Tote bzw. Verwundete kostete. Die meisten seiner Soldaten waren Rekruten aus der preußischen Landbevölkerung, die zum Dienst in der Armee gezwungen wurden. Man darf also getrost davon ausgehen, dass sich ihre Begeisterung über den oft jah­relangen Kriegseinsatz in engen Gren­zen hielt. Dem Alten Fritz war das wohl bewusst. Nach einer Truppeninspek­tion mit Kaiser Joseph II. (des Heili­gen Römischen Reiches), bei der 60.000 Mann paradierten, soll Friedrich sei­nen Besucher gefragt haben: „Und was ist nun wohl das Merkwürdigste an dem, was wir gesehen haben?“ Der Kaiser be­gann zu raten: „Die Genauigkeit, die Ausführung, die Ordnung, das Ineinan­dergreifen, die Schnelligkeit …“ Fried­rich schüttelte den Kopf und sagte: „Nein, dass sie nicht uns, die wir doch Urheber aller ihrer Leiden sind, über den Haufen schießen.“

Friedrich der Große war ein kluger Kopf – er hatte erkannt, dass sich Menschen in großen Gruppen fundamental an­ders verhalten als Individuen. Sie wer­den manipulierbar und lassen sich leich­ter steuern. Intelligente Herrscher nut­zen dies ebenso wie Revolutionäre.

Religiöse oder politische Autokraten halten die Massen unter Kontrolle, in­dem sie einzelne Regelbrecher hart be­strafen und dem Volk mit dem Ver­sprechen künftiger, oft sogar ins Jen­seits verlagerter Heilsversprechen Op­fer und Gehorsam abverlangen.

Und ein erfolgreicher Revoluzzer fragt sich nicht, wie viele Bürger seine Ide­en unterstützen. Er denkt vielmehr da­rüber nach, wie viele seiner Unterstüt­zer effektiv zusammenarbeiten kön­nen. Das gilt bis heute, obwohl Mas­senmedien wie Twitter oder Facebook die Organisation von Protesten erheb­lich erleichtern. Aber 100.000 oder auch eine Million Menschen auf die Straße zu bringen ist das eine, einen politi­schen Apparat in den Griff zu kriegen jedoch etwas ganz anderes. Das jüngs­te Paradebeispiel dafür war die ägyp­tische Revolution von 2011: Die De­monstranten auf dem Tahrir-Platz brachten eine kritische Masse auf, die schließlich das Mubarak-Regime stürz­te. Nach Mubaraks Rücktritt konnten die Revolutionäre das Machtvakuum jedoch nicht füllen. Es gab nur zwei Gruppierungen in Ägypten, die dafür genügend organisiert waren: Erstens die Muslimbrüder und zweitens die Armee. Die Folgen sind bekannt.

Wenn wir nun mit diesem historischen Wissen die Freimaurerlogen im 18. und 19. Jahrhundert betrachten, wird vieles klarer. Freimaurerei überwindet gesell­schaftliche Grenzen und schafft einen Raum der sozialen Gleichheit. Das ist bis heute eine ihrer großen Stärken! Und nur hinter den verschlossenen Toren des Tempels waren die Brüder des 18. und 19. Jahrhunderts geschützt vor der absolutistischen Justiz oder kirchlicher Verfolgung. In der Loge war es plötz­lich möglich, frei und offen über Phi­losophie, Wissenschaft, aber auch Po­litik oder Religion zu diskutieren. Der klassische Adel traf auf ein neues, selbst­bewusstes Bürgertum, das Mitbestim­mung einforderte. Aufklärerische Wer­te wie Freiheit, Gleichheit, Brüderlich­keit, Toleranz und Humanität gewan­nen an Zustimmung. Natürlich wirkte sich dies auch auf das Handeln der Brü­der im profanen Leben aus. Das wird sicher keinen von Ihnen überraschen. Die Logen wurden also aus zwei Grün­den zum Katalysator für politisches En­gagement: Erstens, weil sie demokrati­sche und egalitäre Werte förderten. Und zweitens, weil sie in den absolutistischen Staaten des 18. und 19. Jahrhunderts eine Plattform für Vernetzung und ef­fektive Kooperation boten.

Die gesellschaftliche Rolle der Maure­rei im 18./19. Jahrhundert ergab sich folglich aus dem Spannungsfeld zwi­schen absolutistischen Staaten und frei­maurerischen Werten. Logen waren erste Vorposten einer demokratischen Öffentlichkeit. Wie wir alle wissen kennt die Bruderschaft keine Dogmen. Und keine Loge sollte sich eine bestimmte politische Haltung zu Eigen machen. Aber einzelne Brüder wirken sehr wohl auf der Basis freimaurerischer Ideale in ihre jeweilige Gesellschaft hinein. Denn der Freimaurer ist kein Unter­tan, sondern ein Bürger. Genau des­halb verfolgen religiöse und politische Diktaturen die Bruderschaft bis heute – nichts fürchten autokratische Regi­me mehr als frei denkende Bürger.

Im Laufe des 20. Jahrhunderts änderte sich die gesellschaftliche Rolle der Lo­gen. Der Prozess der Nationenbildung war in den meisten westlichen Ländern abgeschlossen und mündete oftmals in die Errichtung einer Staatsform auf der Basis demokratischer Werte. Zugleich erforderte jedoch eine zunehmend glo­balisierte Welt verstärkte zwischenstaat­liche Kooperation. Deshalb fanden sich etliche Freimaurer unter den Impuls­gebern für eine europäische Einigung. Gustav Stresemann und Aristide Bri­and etwa bemühten sich schon in den 1920erjahren um eine deutsch-franzö­sische Aussöhnung, die direkt nach dem 1. Weltkrieg den meisten Bürgern bei­der Nationen undenkbar erschien. Doch die weltweite Bruderkette konnte schon damals nationalistische Gräben über­winden – man musste es nur wollen. Der Freimaurer Winston Churchill spann den Gedanken der 20er Jahre fort, als er 1946 die Vision der „Verei­nigten Staaten von Europa“ entwarf. In Deutschland lag die Freimaurerei zu diesem Zeitpunkt nach 12 Jahren Na­tionalsozialismus am Boden.

Spätestens seit dem Zweiten Weltkrieg hat die Freimaurerei insgesamt die avantgardistische gesellschaftliche Rol­le, welche sie im 18./19. Jahrhundert innehatte, weitgehend verloren. Eigent­lich ist das keine schlechte Nachricht! Denn wir leben heutzutage unter völ­lig anderen politischen und gesellschaft­lichen Umständen. Wer etwas verän­dern möchte, kann in eine Partei ein­treten oder sich anderweitig engagie­ren. Er muss sich nicht mehr hinter verschlossene Türen zurückziehen, um neue Ideen diskutieren zu können. Und mit dem Internet stehen völlig neue Mechanismen für Vernetzung und fle­xible Kooperation zur Verfügung.

Für die Freimaurerei birgt diese Ent­wicklung dennoch Chance und Risi­ko zugleich. Das Risiko besteht darin, dass unser Bund irgendwann ähnlich aus der Zeit gefallen wirkt wie eine klas­sische Dombauhütte aus „Stone Ma­sons“ im 18. Jahrhundert. Wir müssen uns also fragen, wo unser Platz in der modernen Gesellschaft ist und wie wir mit den Herausforderungen unserer schnelllebigen Zeit umgehen. Ich bin überzeugt, dass dies gelingen wird, wenn wir die freimaurerischen Lehren auch im profanen Leben glaubhaft leben. Denn unsere Bruderschaft steht und fällt mit ihren Mitgliedern. Jeder ein­zelne von uns hat also die Chance (wenn nicht sogar die Pflicht!), die gesellschaft­liche Rolle der Freimaurerei im 21. Jahr­hundert aktiv mitzugestalten.

Quellen:

Paul Ernst, „Grundlagen der neuen Ge­sellschaft“, München 1929.

Jürgen Habermas, „Strukturwandel der Öffentlichkeit, Untersuchungen zu ei­ner Kategorie der bürgerlichen Gesell­

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